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ein besonderes Merkmal des kontinentaleuro-
päischen im Vergleich zum angelsächsischen
Journalismus ist. Der Einfluss des Berufs war
dementsprechend auch „politischer“. Im Ge-
gensatz dazu zeigen Umfragen heute, dass der
wirtschaftliche Druck in den Redaktionen zuge-
nommen hat und Redakteure häufiger danach
entscheiden müssen, was die Aufmerksamkeit
des Publikums gewinnt. Das heißt nicht, dass
der politische Einfluss verschwindet. Aber heu-
te haben die Einstellungen eines Journalisten
bzw. einer Journalistin oder die redaktionelle
Grundhaltung eines Mediums weniger Einfluss
darauf, wie ein konkretes Thema behandelt
wird. Harvard-Professor Thomas Patterson
nennt dies „random partisanship“: eine Par-
teilichkeit, die dadurch zustande kommt, dass
Ereignisse aufgrund ihres reinen Nachrich-
tenwerts gebracht werden und somit einer
bestimmten Seite nützen oder schaden – un-
abhängig davon, ob diese Seite der jeweiligen
Redaktion politisch nahe steht oder nicht.
Die eigentliche Wirkung der journalistischen
Inhalte, also das Ergebnis dieser „Macht“,
bleibt einem anderen großen Bereich des Fa-
ches überlassen, der Wirkungsforschung. Die
Quintessenz dort ist: Medieninhalte sind umso
einflussreicher, je stärker sie die Wahrnehmung
Auf der täglichen
Redaktionskonferenz
bestimmen Journalisten,
was Medien veröffent-
lichen. So können sie
das Denken der Leser,
Zuhörer und Zuschauer
beeinflussen – und
haben in diesem Sinne
auch Macht.
&
Wo kann man das nachlesen?
Donsbach, W. & Patterson, T. E. (2003).
Journalisten in der politischen Kommu-
nikation: Professionelle Orientierung von
Nachrichtenredakteuren im internatio-
nalen Vergleich. In Esser, F. & Pfetsch, B.
(Hrsg.): Politische Kommunikation im
internationalen Vergleich. Wiesbaden:
Westdeutscher Verlag, S. 281-304.
Weischenberg, S., Kleinsteuber, H. J. & Pörk-
sen, B. (Hrsg.) (2005). Handbuch Journa-
lismus und Medien. Konstanz: UVK.
der Rezipienten einschränken, je weniger sie
ihnen Optionen offerieren, sich eigene Urteile
zu bilden.
Zu den wichtigen Forschungsfragen gehört heute,
ob die Macht der Journalisten durch die vielen
nicht-professionellen Kommunikatoren und
Netzwerke im Internet geringer wird. Es gibt An-
zeichen dafür, dass sich immer mehr Menschen
von den professionellen Medien, aber auch von
politischen Inhalten generell abwenden. Dies
würde den Einfluss der Journalisten beschneiden.
Aber es wäre auch schlecht für die Demokratie.
Wolfgang Donsbach,
Technische Universität Dresden
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