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sen, in einem dreiminütigen Radiobeitrag hören
oder in Form einer Dokumentation sehen, fil-
misch aufbereitet und von Experten kommen-
tiert. So unterschiedlich die Darbietungen sind,
so unterschiedlich ist auch der Lernprozess. Am
besten und nachhaltigsten lernen Menschen,
wenn sie Nachrichten in einer Zeitung lesen
(egal, ob digital oder als gedruckte Version),
weil sie dabei mehreren Herausforderungen
begegnen: Sie müssen eine bestimmte Zeitung
auswählen, sich darin für einen Artikel ent-
scheiden und überlegen, welche Artikel sie zu
Ende lesen. Diese Entscheidungen führen zu ei-
ner tieferen Auseinandersetzung, die wiederum
eine tiefgehende Verarbeitung ermöglicht. Im
Gegensatz dazu lernen wir mit Fernseh- oder
Radionachrichten schlechter, weil die Entschei-
dungen uns abgenommen werden und deshalb
eine weniger tiefe Verarbeitung stattfindet. Mit
kurzen Online-Nachrichten können nur Men-
schen ihr politisches Wissen erweitern, die be-
reits eine gute politische Vorbildung haben und
darüber hinaus auch „long news“ lesen. Insbe-
sondere Jugendliche und junge Erwachsene, die
aufgrund ihres Alters noch weniger Einblicke in
die politische Agenda haben und auch noch we-
niger gut den politischen Hintergrund der kur-
zen, nicht-redaktionellen Online-Nachrichten
einschätzen können, lernen wesentlich besser,
wenn sie eine Zeitung lesen.
Politische Diskussion: Die Auseinandersetzung
mit anderen ist ein großer Vorteil beim Wis-
senserwerb. Die Diskussion über Politik vervoll-
ständigt das aus Medien erworbene Wissen vor
und während der Diskussion. Wenn wir anneh-
men, dass wir mit anderen über Nachrichten
sprechen, dann lesen wir Nachrichten genauer,
legen uns vorher Argumente zurecht und durch-
denken unsere eigene Ansicht. Die Diskussion
über Nachrichten und politische Inhalte wirkt
dann wie eine extra Portion Information, die
&
Wo kann man das nachlesen?
Donsbach, W. & Mothes, C. (2012). The disso-
nant self. Contributions from dissonance
theory to a new agenda for studying politi-
cal communication. In: Salmon, C. T. (Ed.):
Communication Yearbook 36. New York:
Routledge, pp. 3-44.
Trepte, S. & Verbeet, M. (2010). Allgemeinbil-
dung in Deutschland. Wiesbaden: VS.
das mit Nachrichtenmedien erworbene Wissen
ergänzt. Darüber hinaus können wir während
der Diskussion offene Fragen stellen und klären.
Insbesondere die komplexen „long news“ heben
die Relevanz der Nachrichten für die Leserinnen
und Leser nicht immer ausreichend hervor. In
der Diskussion nutzen die meisten Menschen
die Gelegenheit, um gemeinsam mit anderen
herauszufinden, was die einzelnen Nachrichten
für das eigene Leben bedeuten.
Lesen und Diskutieren setzen aber bereits Inte-
resse und Motivation voraus. Wenn diese Mo-
tivation zurückgeht, wird auch weniger aufge-
nommen, was hinterher mit anderen diskutiert
werden kann. Abschließend ist daher die Frage
interessant, wie es um das politische Wissen der
Deutschen steht. Hier zeigt sich, dass die Deut-
schen mit steigendem Alter nicht nur mehr und
intensiver Nachrichtenmedien nutzen, sondern
dass auch ihr politisches Wissen deutlich hö-
her ausgeprägt ist. Die langfristig gemessenen
Veränderungen im Interesse an Nachrichten
sprechen dafür, dass es sich dabei nicht nur um
einen Alters- sondern um einen Generationenef-
fekt handelt. Vieles spricht also dafür, dass das
politische Wissen der Deutschen sinkt.
Sabine Trepte, Universität Hamburg & Wolfgang
Donsbach, Technische Universität Dresden