65
wichtig für das Verständnis von Verarbeitungs-
mechanismen und damit von Effekten von Me-
diengewalt ist. Dies zeigen etwa die Forschun-
gen zum kognitiv-physiologischen Ansatz.
Methodisch setzten die Forscher meist auf
Experimente und Befragungen sowie Einzel-
fallstudien. Durchgeführt wurden aber auch
Langzeit- bzw. Längsschnittuntersuchungen,
um kumulative Effekte aufzeigen und Kausali-
tätsaussagen treffen zu können. Insgesamt zei-
gen die Befunde der deutschen Forschung, dass
Mediengewalt zur Entstehung gewalttätiger
Persönlichkeiten und Gewaltverhalten beitra-
gen kann, sowie dass sie die Gewaltneigung von
Menschen verstärken und auch ihre Zuwen-
dung zu Mediengewalt erhöhen kann. Grund-
sätzlich ist dabei jedoch von einem Wechselwir-
kungsprozess zwischen der Zuwendung zu und
der Wirkung von Mediengewalt auszugehen.
Die Untersuchungen zeigen auch, dass Fernseh-
gewalt je nach individuellen Prädispositionen,
sozialen Gegebenheiten und Inhalten unter-
schiedlich genutzt wird und nicht einheitlich
wirkt. Diese Erkenntnis hat sich im so genann-
ten Problemgruppenansatz niedergeschlagen,
der zwischen stärker oder schwächer gefährde-
ten Personen unterscheidet. Danach scheinen
männliche Personen insgesamt gefährdeter zu
sein als weibliche. Problematisch sind zudem
bereits aggressive Persönlichkeiten, die eine
Vorliebe für Mediengewalt besitzen. Ähnliches
gilt für Menschen mit einem ausgeprägten
Menschen können sich bei
Fernsehfiguren zwar Ge-
waltverhalten abschauen.
Ob sie es jedoch nachah-
men, hängt von ihrer Per-
sönlichkeit, ihrem sozialen
Umfeld und der Art der
Darstellung ab.
Sensation-Seeking, also einem hohen Risi-
ko- und Erregungsbedarf. Das soziale Umfeld
stellt einen weiteren zentralen Einflussfaktor
dar. Besonders gefährdet sind Kinder aus Fa-
milien mit einem hohen bzw. unkontrollierten
Medien(gewalt)konsum, wenn sie auch in der
Realität viel Gewalt erleben.
Die neuere Kommunikationswissenschaft ver-
sucht zudem, Impulse aus den Neurowissen-
schaften aufzugreifen. Allerdings konnten die
mit Hilfe der Hirnforschung erzielten Befunde
bisher den Erwartungen nicht entsprechen.
Neuere Forschungsschwerpunkte liegen unter
anderem auf den Einflüssen von Mediengewalt
auf schulischen Leistungen sowie auf Konse-
quenzen der Berichterstattung für Verbrechens
opfer. Als neuer Bereich ist in jüngster Zeit
auch die empirische Erforschung der Wirksam-
keit medienpädagogischer Maßnahmen hinzu-
getreten. Gegenwärtig wird die Forschung zu
Gewalt im Fernsehen allerdings abgelöst durch
Forschungen zu Computerspielgewalt und Ge-
walt im Internet.
Michael Kunczik,
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
&
Wo kann man das nachlesen?
Kunczik, M. & Zipfel, A. (2006). Gewalt und
Medien. Köln u.a.: Böhlau.