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Erstens
, die Europäisierung nationaler Öffent-
lichkeiten ist mit der Zunahme der politischen
Bedeutung der EU gewachsen. So zeigt sich,
dass im Zeitverlauf die Berichterstattung über
Europa angestiegen ist.
Zweitens
ist Europäisie-
rung themenspezifisch. Dort, wo die EU viele
Kompetenzen hat – wie bei der Agrarpolitik
– findet sich auch eine stärkere Europäisie-
rung.
Drittens
führen Schlüsselereignisse zur
Europäisierung. Gipfeltreffen, EU-Wahlen, aber
auch Referenden bringen Europa in die Medien.
Viertens
hängt der Grad der Europäisierung
davon ab, welche Medien man analysiert. Qua-
litätsmedien beachten Europa weitaus stärker
als der Boulevard oder das Fernsehen. Und auch
Online-Kommunikation scheint nicht wesent-
lich stärker europäisiert zu sein als traditionelle
Medien.
Fünftens
hängt die Europäisierung
nationaler Öffentlichkeiten von politischen
Akteuren und deren Kommunikationsstrategi-
en ab. Eine herausragende Rolle dabei spielen
nationale Akteure, die Europa ein Gesicht ge-
ben und dessen Relevanz unterstreichen kön-
nen. Wie alle Akteure handeln jedoch auch sie
strategisch. Die Forschung zeigt, dass nationale
Politiker sich dann besonders schwer tun, Euro-
pa zu thematisieren, wenn sie Beschlüsse gefällt
&
Wo kann man das nachlesen?
Adam, S.(2007). Symbolische Netzwerke
in Europa. Köln: Halem.
De Vreese, C. (2007). The EU as a public
sphere. Living Reviews in European
Governance, 2 (3).
Bei politischen Schlüssel­
ereignissen ist die Europäi-
sche Union ein Thema in den
Medien. Eine europaweite
Öffentlichkeit gibt es aller-
dings bisher nicht.
haben, die zu Hause schwer zu vermitteln sind.
So sind es bisher primär europaskeptische Par-
teien, die bestrebt sind, auch strittige europäi-
sche Fragen öffentlich zu machen.
Mit der fortwährenden europäischen Finanz-
und Schuldenkrise ist Europa in den Medien
derzeit präsent. Für die Zukunft der Union wird
mitentscheidend sein, wer dabei die öffentliche
Deutungshoheit übernimmt und ob sie dazu ge-
nutzt wird, sich national abzuschotten und die
Schuld bei Anderen zu suchen. Die Forschung
zur Europäisierung von Öffentlichkeiten steht
also vor der Herausforderung, nicht mehr nur
die Sichtbarkeit Europas, sondern vielmehr das
„Wie“ der Berichterstattung und der Debatten
in den Blickpunkt zu rücken.
Silke Adam, Universität Bern
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